Noch kein Album am Start und schon 7000 Leute im lodernden Audio-Schmelztiegel der Hamburger Sporthalle und anderen A-Venues gerockt – welche Nachwuchstruppe kann schon so etwas von sich behaupten? Enter Shikari aus St. Albans bei London können das, spielten sie doch kürzlich für Alexisonfire und Billy Talent die Bühnen warm. Dabei lösten sie mit ihrer kruden Mixtur aus Hardcore Punk und Techno Trance sowie Sänger Rous latent wahnsinniger Bühnenhopserei vereinzelt überforderte Irritationen, im Gros aber dann doch eher faszinierte Begeisterung beim Auditorium aus.

Die skurrile Idee, zwei vollends disparate Genres zu kombinieren, hat – wie so oft bei großen Eingebungen – Meister Zufall gefördert. Während einst der Rest der Band probte, fummelte Rou ein Stockwerk tiefer an elektronischen Computer-Sounds herum. Irgendwann überlagerten sich Elektronisches und Hausgemachtes und ein obskurer Musikbastard ward geboren. Gut, das mit der Elektronik hatten schon The Prodigy oder unzählige mediokre Industrial-Truppen auf ihren Fahnen, doch polternde Gitarrenstampfer, emotional berstende Mitsingrefrains und übelstes Hartkern-Grunting und -Screaming, garniert mit sphärischen Synthesizer-Arrangements und transzendentalen Keyboard-Orgien – dat hamma so noch nisch jehört! „Die elektronischen Elemente sind inzwischen in jedem Song enthalten“, erklärt Gitarrist Rory. „Sie sind das vierte Instrument in der Band, genauso wichtig wie Bass, Gitarre oder Drums.“ Und irgendwie scheint dieses Constructum Absurdum zu funktionieren, denn Enter Shikari rekrutierten allein via Myspace-Propaganda genug Leute, um das Londoner Astoria auszuverkaufen. „Die unterschiedlichsten Leute kommen zu unseren Shows“, wundert sich Bassist und Co-Sänger Chris, freut sich aber auch, „dass wir die Leute mit anderen Genres in Berührung bringen. Es gibt da draußen so viel gute Musik, die die meisten noch nicht einmal kennen, weil sie sich auf ein einziges Genre versteifen. Das ist doch engstirnig!“ Erst 20 Lenze auf der Rinde und schon so weise.

Video Anything Can Happen In The Next Half Hour…


Nun erscheint das Debütalbum auch in Deutschland und nichts Geringeres als der totale Durchbruch wird erwartet. Zu viel Druck für eine Meute Zwanzigjähriger, die bis vor kurzem noch vor befreundeten Kapellen als ihre einzigen Zuschauern spielten? Denkste. Denn Enter Shikari werden von einem pastoralen Konglomerat aus väterlicher Fürsorge und britischer Bodenständigkeit vor Höhenflügen und Abstürzen bewahrt, da Chris’ Vater Andy und Rous Dad Keith das Band-Management in ihren Pranken halten. „Es ist ein schwieriger Übergang für sie“, befindet Andy und rührt nachdenklich in seinem Tee. „Wir halten ihre Füße auf dem Boden und haben ein Auge darauf, dass sie bei dem ganzen Trubel um die Band nicht arrogant werden.“ Ein derartiger Arroganz-Unterdrücker hätte Megalomanie-Schergen wie Oasis oder Mando Diao seinerzeit auch mal gut zu Gesicht gestanden.
Eins noch – woher der kryptische Name? Wenn man sich im englischen Drama auskennt und Wikipedia zu bedienen weiß, gelangt man als Hobby-Schnüffler zu folgender Theorie: „Enter“ ist aus dem Theater und bezeichnet den Bühnen-Auftritt eines Charakters. Der Begriff „Shikari“ hingegen kommt (unter anderem) aus dem Indischen und heißt „Jäger“. Kombiniere: „Auftritt des Jägers.“ Volltreffer. „Der Shikari ist ein Charakter, den wir für ein Manuskript erschaffen haben, noch bevor die Band gegründet wurde. Er kann alles sein – vom Kopfgeld- bis zum Schürzenjäger“, erhellt Ober-Shikari Rou die dunkle Jägerhöhle. „Außerdem hieß der Panzer meines Großvaters im Ersten Weltkrieg so.“ Auch gut, Martialität macht männlicher. Alles andere als martialisch, sondern vielmehr tiefgründig und metaphorisch geben sich Enter Shikari in ihren Texten, singen von Beharrlichkeit, vom Labyrinth des Lebens, davon, dass man immer zu sich selbst stehen sollte.

Mit ihrem Debüt haben Enter Shikari einen kleinen Meilenstein gemeißelt und werden vielleicht irgendwann einmal als Pioniere einer Hardcore-Trance-Bewegung oder des Emo-Techno genannt werden. Aber jetzt wird erst mal der Bogen angelegt.

Benjamin Foitzik