Während einer Pandemie scheinen die einfachsten Dinge utopisch. Das Planen eines Sommerurlaubs, das Betrinken auf der überlaufenden Admiralsbrücke, ein schweißgebadeter Festivalbesuch. Doch das gute an Utopien ist, dass die meisten von ihnen zumindest ansatzweise verwirklicht werden können und so träumen sich auch diverse Musiker*innen, wie die französische Band La Femme in ihren Werken in die Utopien von heute und morgen.

Über Raum- und Zeitutopien

Doch erst einmal eine kurze Kulturgeschichte der Utopie: Im Christentum ist die Zukunft und damit die Utopie durch das göttliche Schicksal vorgegeben. In der Renaissance wurde der Begriff dann in unsere heutige Bedeutung umgedeutet, in der die Utopie vor allem ein (noch) nicht in der Wirklichkeit realisierbares Gedankenexperiment ist. Die Utopien der Renaissance waren als „Raumutopien“ besonders auf fremden Inseln in der bekannten Welt angesiedelt: Man denke an „Nova Atlantis“ des Philosophen Francis Beacon oder „Christianopolis“ des Theologen Johan V. Andreae. Durch die Lokalisierung auf „weißen Flecken“ der Landkarte entzogen sich die Autoren den zeitgenössischen moralischen und gesellschaftlichen Ordnungen und die Inseln konnten in der Geschichte ganz eigene Grundsätze seit Jahrhunderten ausleben. Der Politikwissenschaftler Dr. Thomas Schölderle betont jedoch, dass die Utopie in der Renaissance keinen politischen Aktivismus anstiften sollte, sondern durch die Darstellung anderer sozialer Wirklichkeit den Blick der Lesenden für die Realität schärfen sollte.

Als zum Ende des 18. Jahrhunderts die Weltkarte recht vollständig gezeichnet war und dementsprechend schlecht von unbekannten Grenzen geschrieben werden konnte, wendeten sich die Autor*innen verstärkt der „Zeitutopie“ zu, in denen das utopische Land in der Zukunft liegt. Ein weiterer Grund für diese Zukunftsreisen war, dass seit dem 18. Jahrhundert in der Geschichtsphilosophie eine Entwicklungslogik des Menschen als unausweichlich angesehen wurde, sprich es wurde davon ausgegangen, dass der Mensch aufgrund der Technik nicht mehr in seiner Entwicklung stehen bleiben kann.

Paradigmes – eine musikalische Utopie

Utopien sind kurz gesagt also schon immer eine Reise zu anderen Orten und/oder in andere Zeiten gewesen– genauso wie das Album „Paradigmes“ von La Femme. Das neueste Werk der Elektro-Pop Band aus Frankreich ist der perfekte Soundtrack, um der momentanen Welt zu entfliehen. Es brilliert in seiner Vielfalt und die Musikvideos ziehen einen in ihre Wahrheit hinein. So sieht man im Video zu „Disconnexion“ einen Michel Foucault-Charakter, der während er über die Grenzen der Welt und den menschlichen Frust darüber redet, in einen Sog der Farben und Charaktere der Ablenkung gezogen wird. Mit Ablenkungen haben sich die beiden Köpfe von La Femme natürlich auch privat in den letzten Monaten intensiv beschäftigt – was ihnen hilft: „Man braucht verschiedene Dinge, um aus der Welt entfliehen zu können. Dass kann Kunst und tanzen sein oder einfach dämliche Videos auf YouTube, wo jemand von einem Skateboard fällt. Mit „Disconnexion“ wollten wir diese Vielfalt der Ablenkung, die der Mensch zum Überleben benötigt, zeigen.“ 

Inspiration der Wahrheit und des Fremden

Viele Songs auf dem Album sind nach Orten benannt. Die meisten schlicht und ergreifend, da die Band durch die Städte gereist ist und sie diese besonders inspiriert haben. Doch oft spricht La Femme auch ein Ort an, der überall und jeden Tag existiert und dennoch wie eine ganz eigene Utopie wirkt – das Nachtleben: „Wenn du in der Nacht eine Party besuchst oder auch nur durch die Straßen läufst, ist es eine ganz andere Atmosphäre. Eine Art Zweitleben, in der es einfacher ist, das wahre ich auszuleben, da die Nacht gesellschaftliche Normen ausschalten kann.“

Währenddessen vermischt die Band in Songs wie „Foreigner“ die starken Gefühle des Daseins wie in einem Kaleidoskop, sodass Liebe und Hass in ihren Extremen Nebeneinanderstehen und doch harmonieren. Das Musikvideo von „Le Jardin“ erinnert zudem passenderweise mit seinen verwunschenen Szenen an Huxleys „Schöne Neue Welt“, die Dystopie, in der wahre Liebe und Gefühle zwischen zwei Menschen nicht existieren dürfen, da ansonsten das System gefährdet werden könnte.

In diesem Monat soll es bei uns noch um weiter Utopien und Parallelwelten, wie sie die Dragqueen-Szene bildet gehen. Bis dahin könnt ihr euch hier durch das gesamte grandiose Album von La Femme hören:


Ihr könnt La Femme hier auf Instagram folgen.

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